Lernen ohne Plan: Muss Bildung immer einen Zweck haben?

Neugier und Lernen

Ich sitze in meinem Lesesessel, mein Studienskript für Soziale Arbeit auf dem Schoß. Der sich ankündigende Herbst lässt den heutigen Nachmittag ein kleines Stück dunkler werden als die Tage davor. Meine Leselampe wirft ein warmes Licht auf die aufgeschlagenen Seiten, während ich mit dem Kugelschreiber einige Passagen unterstreiche. Die Mine kratzt leise über das Papier. Draußen prasselt der Regen an die Scheiben. 

Ich liebe es, einzutauchen, mich in den Zeilen zu verlieren. Manch einer mag sie für langweilige Abhandlungen halten. Für mich offenbaren sie neue Welten. Als öffnete ich mit jeder neuen Erkenntnis eine Tür zu einem Raum, den ich zuvor nicht einmal kannte.

Mein Blick bleibt in einem Absatz hängen, der Kugelschreiber folgt ihm. Langsam umkringelt er das Wort „Entwicklung”. Zwei unperfekte Kreise schenken dem Wort nun mehr Aufmerksamkeit. Ent-wicklung. Etwas, das uns von Geburt bis Tod begleitet. 

Da fällt mir die Frage meiner Freundin plötzlich wieder ein, als wir kürzlich über mein Studium sprachen:

„Und was willst du später damit machen?”

Ich weiß es noch nicht.

Sollte ich es wissen? Die Frage scheint durchaus berechtigt – als hätte sie eine gute Antwort verdient.Wir sind es gewohnt, Entscheidungen über Bildung mit einem Zweck zu verbinden. Man beginnt ein Studium, um etwas zu werden. Man macht eine Weiterbildung, um beruflich voranzukommen. Man eignet sich Wissen an, um es zu brauchen. Gerade als Erwachsene scheint Lernen schnell rechtfertigungsbedürftig zu werden.

Und schließlich habe ich mich ja bewusst entschieden, mit Mitte 40 noch einmal zu studieren. In einem Alter, in dem gesellschaftlich eher erwartet wird, angekommen zu sein, statt irgendwo wieder anzufangen. Da müsste es doch einen Plan geben. Ein Ziel. Irgendetwas, auf das all die Stunden mit Büchern, Skripten und Prüfungen hinauslaufen. 

Und doch: Ich weiß es noch nicht.

Zumindest dann nicht, wenn die Antwort etwas Fertiges vorgeben soll.

Aber vielleicht suche ich auch nur nach einer Antwort auf eine falsche Frage.

Warum wollte ich überhaupt noch einmal studieren?

Weil mich Lebensgeschichten berührten. Menschen, deren Wege nicht gerade verliefen. Die mit schwierigen Voraussetzungen lebten, Umwege gingen, manchmal fielen und wieder aufstanden.

Ich wollte verstehen, was Menschen in Bewegung bringt. Was sie lernen und wachsen lässt. Und vielleicht auch, was sie daran hindert.

Ich wollte wissen.

Vielleicht war es genau diese Neugier, die mich schon so oft auf unbekanntes Terrain gelockt hatte.

Wenn ich zurückblicke, waren es erstaunlich selten die großen Pläne, die mich irgendwohin gebracht haben. Viel häufiger begann etwas mit einer Frage. Mit einem „Wie funktioniert das eigentlich?“, „Könnte ich das auch?“ oder „Was wäre, wenn …?“

Diesen Fragen nachzugehen und mit absichtsloser Offenheit neue Türen zu öffnen, hatte immer etwas sehr Lebendiges. Und oft waren es gerade diese ungeplanten Türen, hinter denen etwas auf mich wartete, was später wichtig für mich wurde. Aus einer Frage wurde eine Fähigkeit. Aus einem Interesse ein Projekt. Aus einem Versuch manchmal sogar ein Beruf. 

Niemals hätte ich diese Dinge auf einen Lebensplan schreiben können. Wie hätte ich einen Weg planen sollen, dessen Ziel ich noch gar nicht kannte?

Pläne kennen das Ziel und suchen den Weg dorthin. Die Neugier weiß nicht, wohin sie führt – und geht trotzdem los. 

Aber ist das nur meine Erfahrung?

Oder liegt in der Neugier etwas Grundlegendes, das uns Menschen lernen, entdecken und uns entwickeln lässt?

Ich lege das Skript kurz beiseite und greife stattdessen zum Laptop. Und stelle fest: Die Frage, der ich in meinem Sessel nachhänge, hat sich auch die Wissenschaft gestellt.

Eine einflussreiche Erklärung lieferte der Psychologe George Loewenstein bereits 1994 mit seiner Theorie der Wissenslücke. Vereinfacht gesagt entsteht Neugier demnach dort, wo wir bemerken, dass zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir wissen möchten, etwas fehlt.

Eine Lücke tut sich auf.

Und wir wollen sie schließen.

Vielleicht erklärt das ein wenig von dem, was gerade mit mir passiert. Nicht das Wort „Entwicklung“ allein lässt mich innehalten. Es ist die Ahnung, dass hinter diesem vertrauten Wort viel mehr liegt, als ich bisher darüber weiß. Eine Tür, die einen Spalt weit offen steht. Genug, um erahnen zu können, dass dahinter noch etwas ist.

Aber macht dieses Wissenwollen tatsächlich einen Unterschied für das Lernen? Oder fühlt es sich einfach nur schöner an, etwas aus eigenem Interesse heraus erfahren zu wollen?

Der Neurowissenschaftler Matthias Gruber und sein Team gingen dieser Frage in einem Experiment nach. Sie ließen Menschen zunächst Wissensfragen danach bewerten, wie neugierig sie auf die jeweilige Antwort waren. Später überprüften sie, an welche Antworten sich die Teilnehmenden erinnern konnten.

Informationen, auf die sie besonders neugierig gewesen waren, blieben tatsächlich besser im Gedächtnis – sowohl unmittelbar als auch einen Tag später. Bemerkenswert war noch etwas anderes: Während die Teilnehmenden auf manche Antworten warteten, sahen sie beiläufig Bilder fremder Gesichter. Selbst an diese erinnerten sie sich später besser, wenn sie ihnen in einem Moment besonders hoher Neugier begegnet waren.

So verlockend es wäre, an dieser Stelle einen einfachen Schluss zu ziehen: „Sei neugierig und du lernst besser” – so einfach ist es nicht.

Neuere Forschung deutet darauf hin, dass auch entscheidend sein könnte, wie gut wir unsere eigene Wissenslücke erkennen und einschätzen. 

Neugier allein ist also kein Zauberschlüssel zum Lernen.

Aber vielleicht muss sie das auch gar nicht sein.

Doch sie mag ein wertvoller Antrieb sein. Denn irgendetwas muss uns schließlich dazu bringen, überhaupt vor einer verschlossenen Tür stehenzubleiben und wissen zu wollen, was sich dahinter befindet.

Vielleicht beginnt Lernen genau dort. 

Ganz wunderbar lässt sich das bei Kindern beobachten. Ein Stein fällt in eine Pfütze. Es platscht. Wasser spritzt in alle Richtungen.

Was passiert, wenn der nächste Stein größer ist?

Ein Kind braucht keinen guten Grund für diese Frage. Es muss das Wissen später nicht anwenden. Niemand stellt ihm ein Zertifikat darüber aus, dass es die Eigenschaften von Wasser untersucht hat. Es probiert aus – getrieben von purer Neugier.

Wann wird aus diesem „Was passiert, wenn …?“ eigentlich ein „Was bringt mir das?“

Vielleicht ist das eine der Fragen, die wir uns stellen sollten, wenn wir über Bildung im Erwachsenenalter sprechen.

Natürlich darf Bildung einen Zweck haben. Wir studieren, um einen Beruf ausüben zu können. Wir bilden uns weiter, weil sich unsere Arbeitswelt verändert. Ziele können uns Orientierung geben – und manchmal brauchen wir einen Plan, um dort anzukommen, wo wir hinmöchten.

Aber was geschieht, wenn wir Bildung nur noch von ihrem Ziel her betrachten? Bleibt dann nicht Wesentliches für uns Menschen auf der Strecke? 

Was ist mit dem Wissen, dessen Nutzen wir noch gar nicht kennen?

Mit der Frau, die mit fünfzig beginnt, sich für Astronomie zu interessieren. Dem Mann, der Geschichte liest, ohne Historiker werden zu wollen. Dem Menschen, der eine Sprache lernt, Philosophie entdeckt, einen Volkshochschulkurs besucht oder verstehen möchte, warum unsere Gesellschaft funktioniert, wie sie funktioniert.

Muss dieses Wissen irgendwohin führen, um wertvoll zu sein?

Vielleicht unterschätzen wir, was entstehen kann, wenn Menschen – ganz gleich in welchem Alter – einer Frage folgen dürfen, ohne die Antwort schon im Voraus rechtfertigen zu müssen. 

Ich ziehe mir das Studienskript wieder auf den Schoß.

Draußen läuft der Regen noch immer über die Scheiben. Mein Blick wandert noch einmal zu den beiden etwas krummen Kreisen um das Wort „Entwicklung“.

Was ich einmal mit diesem Studium machen werde?

Ich weiß es immer noch nicht.

Das Papier raschelt, als ich umblättere. Auf der nächsten Seite beginnt ein neues Kapitel.

Und ich möchte wissen, was darin steht.

Quellen

Loewenstein, G. (1994). The psychology of curiosity: A review and reinterpretation. Psychological Bulletin, 116(1), 75–98. https://doi.org/10.1037/0033-2909.116.1.75

Gruber, M. J., Gelman, B. D., & Ranganath, C. (2014). States of curiosity modulate hippocampus-dependent learning via the dopaminergic circuit. Neuron, 84(2), 486–496. https://doi.org/10.1016/j.neuron.2014.08.060

Chen, X., Twomey, K. E., Hayes, M., & Westermann, G. (2025). The limits of curiosity? New evidence for the roles of metacognitive abilities and curiosity in learning. Metacognition and Learning, 20, Article 1. https://doi.org/10.1007/s11409-024-09407-9


Bildnachweis:
Beitragsbild: KI-generiert mit ChatGPT (OpenAI)

Nach oben scrollen